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Interkulturelle Begegnung zum Totensonntag

26. November 2006

Zum zweiten Mal konnte Dank der Unterstützung der Stadt Heilbronn und der Sparkassen- Stiftung Heilbronn eine interkulturelle Begegnung zum Totensonntag im Heilbronner Deutschhofkeller veranstaltet werden. Das Treffen mit seinen Beiträgen und Darbietungen vollzog sich der Thematik entsprechend in einer nachdenklichen und intimen Atmosphäre unter dem Aspekt der Offenheit für fremde Traditionen. Die gelungene Entwicklung aller Beiträge, die vorab im Detail nicht bekannt und inszeniert waren, basierte auf dem Vertrauen der Teilnehmenden in die gemeinschaftliche Integration mit der gegenseitigen Akzeptanz.

Jutta Klee

 
Konzeption: Alberto Jerez, Jutta Klee, Marina Wieland
Organisation: Alberto Jerez, Jutta Klee, Marina Wieland
Grafik, Fotografien, Layout : Alberto Jerez, Jutta Klee
 
Bilder und Texte sind urheberrechtlich geschützt

im Februar 2007


 

Gedanken eines Besuchers


Der Totensonntag ist ein Feiertag, der, verglichen mit anderen Festen, wenig populär ist.
Weihnachten ist der Höhepunkt, auf den das Jahr zuläuft, Silvester ein Fest trunkenen
Überschwangs, und das jeweils eigene Fest des Geburtstags erinnert einen glückselig, dass man immer noch im Leben steht. Doch wer möchte schon gern des Todes, der eigenen Sterblichkeit gedenken? Immerhin fanden sich mit mir am Abend des 21. November 2006 in den Gewölben des Heilbronner Deutschhofkellers einige Menschen dafür ein.
Was uns erwartete, stand unter der doppelten Themenvorgabe: Tod und fremde Kulturen. Indem wir das Allzunahe aus fremder Perspektive sehen, gewinnen wir möglicherweise einen besseren Blick darauf. Nach den einleitenden Worten Marina Wielands bot sich ein irritierendes Geschehen. Eine Menschengestalt, die schon die ganze Zeit über auf dem Boden gelegen hatte, völlig regungslos, mit Erde bedeckt, bewegte sich, erhob sich langsam und begann ihr Tun: Toter und Totengräber zugleich, in der abgeworfenen Erde zu wühlen, zu graben. Kleine tönerne Masken kamen zum Vorschein, die an die Anwesenden ausgehändigt wurden - auch ich habe die meine noch. Dies alles geschah äußerst langsam und in völligem Schweigen. Jede Geste war mehr als nur sie selbst, sie war aufgeladen mit symbolischer Bedeutung.
In anderer Weise auch die zweite Darstellung. Ein Mann aus dem Senegal zeigte, wie in
seiner Heimat die Toten mit verschiedenen Rhythmen zur Ruhe geleitet werden. Eine
Trommel geht voran, in dumpf-monotonen Rhythmus geschlagen, lange. Dann
hinwiederum entfernt sich die Trommel in anderem Rhythmus, die Lebenden hinter sich,
von der Grabstätte zurück ins Leben.
Den dritten Teil zeigte ein Mann aus einem anderen Teil Afrikas, aus Togo. Er zelebrierte mit uns eine ritualisierte Kontaktaufnahme mit seinen Ahnen. Dies geschah nun nicht mehr stumm, sondern Worte fielen. Die fremde Sprache gab den von ihm vorgetragenen Texten einen eigenen Reiz: Es war, als ob er lange bei sich nachdenken mußte, bis er die Worte aus einer sehr großen Tiefe heraufholen konnte. Dann schließlich bat er uns, mit ihm gemeinsam hinaus auf den nächtlichen Deutschhof zu gehen.
In ritualisierter Weise wurde den Ahnen Speis und Trank gereicht, kleine Aufmerksamkeiten des Alltags, gleichsam um sie zu stärken, wo immer sie sein mögen, und sie seines Andenkens zu versichern. Wir alle umstanden ihn schweigend mit Ernst und Würde und betrachteten den Vorgang. Einige Heilbronner Zeitgenossen kamen vorbei, wunderten sich, ja waren gar befremdet, blieben eine Weile stehen, sagten jedoch nichts und gingen dann wieder ihrer Wege. Wieder zurück in jenem Keller, hörten wir den Vortrag einer Traumtherapeutin aus der Region, die uns verschiedene Symbole des Todes und ihre Deutung in Träumen erläuterte. Dies alles sehr beeindruckend in seiner Tiefe und scharfen lntellektualität - aber ich muss sagen, dass die vorausgegangenen symbolischen Handlungen mich persönlich unmittelbar mehr beeindruckt hatten als diese direkte Mitteilung. Zum Ausklang und wohl zur Stärkung bekamen wir alle ein einfaches Gericht mit Quinoa gereicht, ein altes Getreide aus den peruanischen Anden, sehr nahrhaft wenngleich ohne die pikante Soße etwas fade schmeckend. Dies sollte manifestieren, wie nah Tod und Leben einander sind, und dass wir, wenn wir jenes einen gedenken, zugleich das andere – das Leben - feiern sollten.
Mein Fazit: Einige Kulturen sind den unmittelbaren Lebensphänomenen oft näher. Wir sollten diese Erfahrungsmöglichkeiten, wo sie sich uns bieten, wahrnehmen. Wir sollten jedoch nicht meinen, ein Rückgriff auf Archaisches brächte uns schon zur notwendigen Besinnung. Viel schwieriger nämlich ist es, im eigenen Bereich sich in die Tiefe zu begeben.
Dr. Walter Dengler

 

Das Eigene und das Fremde / Einführung
Dr. Hartmut Neuschwander

Dr. Hartmut Neuschwander, Fachkraft für Ethik in Brackenheim, hielt eine kurze Einführung. In Form von Gedanken- und Wortspielen hinterfragte er Begriffe nach ihrer philosophischen und religiösen Bedeutung. Zum Sinnbild der Brücke „über die das Eigene das Andere, Fremde erreichen will“ stellt er zum Beispiel eine Überlegung zum Verständnis des Eigenen an: ”Lässt sich eine eigene Identität ohne Abgrenzung zum Fremden finden? Ist so ein offenes Gottesbild haltbar - halten wir es aus?” Das ist wohl auch eine Frage unserer Stärke. Neben dem Aspekt der Offenheit für das Andere und Fremde stellte H. Neuschwander die Frage nach dem Unüberbrückbaren. Dazu bezog er sich auf den deutschen Theologen Friedrich Schleiermacher und seine Vorstellung von Religion, die H. Neuschwander als eine alles durchdringende und zutiefst menschliche deutete. In Übereinstimmung mit dieser ethischen Haltung erklärte sich für ihn menschenverachtendes Verhalten als das Unüberbrückbare. „Was dem Menschen - grundsätzlich allen Menschen - hilft, das sei die Grundlage aller Religionen“ (Schleiermacher).

 

 

Die Toten, die in Frieden ruhen, hüten die Gestirne
Performance / Otto Novoa 

Wenn sich der Zustand der Verrohung, der Gefühllosigkeit und Verrücktheit, der vergängliche Kriege kennzeichnet, verlängert und sich in einen permanenten Zustand wandelt, wenn die Abwesenheit menschlichen Mitgefühls zum Dauerzustand wird, und sich weder durch Zeremonien der Trauer und Wiedergutmachung noch durch die Freude eines Neubeginns, noch durch das Wiederfinden der Schönheit, oder durch einen Waffenstillstand mit den Toten erleichtern oder verringern kann, beginnt diese Krankheit etwas viel Tieferes und Essentielles aufzufressen - etwas von dem die Träume und die Welten abhängen.

 

Trauermusik / Trommel
Seydou Diao 

Seydou (Sino) Diao, ein Angehöriger der Fulah im Senegal, spielte im Gedenken an einen Verstorbenen die drei Rhythmen auf der Trommel, die eine traditionelle Beerdigung in seinem Dorf begleiten: Die erste kündigt den Todesfall an, die zweite begleitet die Trauernden von ihrem Haus zur Bestattung und die dritte führt trost- und kraftspendend wieder zurück zum Leben.

 

Moise Botsoe beim Speiseopfer

Begegnung mit den Toten bei den Ewe in Togo
Ritus und Erläuterung / Folly Moise Botsoe 

Moise Botsoe erläuterte die Glaubensvorstellung seiner Volksgruppe, den Ewe in Togo, bei denen die Ahnenverehrung und der Wiedergeburtsglaube eine wesentliche Rolle spielen. In Verbindung mit einem privaten Anlass richtete er sich in seiner Muttersprache und mit Trank - und Speiseopfern an die Betroffenen und stellte so den gewünschten Kontakt zwischen Lebenden und Toten her. Diese Form des Ritus konnte auch von ihm als einem Nichteingeweihten durchgeführt werden.

 

Der Tod als Symbol im Traum / Vortrag
Ursula R. Juretzka 

In der Bildersprache unserer Träume gibt es unzählige Motive, die mit der Todessymbolik in Verbindung stehen. Die Todesmetapher kann recht eindeutig erscheinen oder auch versteckt inszeniert werden.
Das Schwarze wird in vielen Kulturen mit dem Tod verbunden. Diese Assoziationen hängen mit menschlichen Grunderfahrungen zusammen: der helle Tag - die dunkle Nacht. Der helle Tag bedeutet Licht und Leben. In der dunklen Nacht hat der Mensch die Augen geschlossen, er sieht das Licht nicht mehr. Das ist der Tod, zumindest der Tod des Egos.
Aus diesem Grunde ist der schwarze Tod eine archetypische Gestalt, der wir in Märchen, Mythen und Träumen aller Völker begegnen.
Oft weist die Farbe Schwarz auf starke Unbewusstheit, auf seelische Trauer und die dunkle Nacht der Seele hin. Die Farbe Schwarz erscheint unübersehbar auch zu Beginn eines wichtigen seelischen Wandlungsprozesses.
Träume vom Tod und Sterben wollen uns vermitteln, dass wir bestimmte Gefühle und Bedürfnisse vernachlässigen. Im Traum sterben deswegen die Menschen, die bei Tag genau diese Eigenschaften für uns verkörpern.
Auch sterbende oder bereits tote Tiere und Pflanzen stehen in der Regel für einen Aspekt von uns selbst, der vernachlässigt wird oder abgestorben ist.
Der interessanteste Traumtod ist der eigene. Er spiegelt fast immer die Tatsache wieder, dass wir den Punkt erreicht haben, an dem wir bereit sind, unsere alten Rollen und Selbstbilder aufzugeben, und deshalb sind diese Träume oft die wichtigsten von allen.
U. Juretzka

 

Gesprächsrunde

Die Gesprächsrunde mit den Akteuren und den Besuchern befasste sich mit Fragen zu den spezifischen Beiträgen und dem Verhältnis von Tradition und ethischen Kriterien.

 
 

Quinoa im Kreislauf des Lebens / Erzählung und Kostprobe
Lizette Arbelaez

Zunächst berichtete die Kolumbianerin Lizette Arbelaez über die Quinoa, eine Getreideart, die seit 5000 Jahren in den Anden angebaut wird. Aufgrund des hochwertigen Eiweißgehaltes - ein vollständiger Ersatz für tierisches Eiweiß - wurde sie von den alten Andenbewohnern als Wunderkorn verehrt. Bis heute ist sie fester Bestandteil vieler traditioneller Familienfeste und gewinnt in der modernen, westlichen Ernährung an zunehmender Bedeutung.
Zum Abschluss kamen die Anwesenden in den Genuss einer Kostprobe verschiedenener Zubereitungsarten.

 

 

Meditationsobjekt

Jutta Klee installierte mit Marina Wieland und Ursula Juretzka eine kleine, neutrale Meditationsstätte. Die weitere Gestaltung ergab sich mit den Besuchern, die dort in eigenem Gedenken Teelichter, Blumen und andere Symbole ablegen konnten.

 

 

Memoria / Installation
Alberto Jerez

Diese Installation ist eine Hommage an all jene Personen, Männer, Frauen und Kinder, die Opfer des brutalen Krieges wurden, in dem das Land Kolumbien lebt. Uns unbekannte Gesichter - doch hier sind sie anwesend. Personen, die sich zu Figuren und Schatten verflüchtigen - doch hier sind sie da. Und niemals sollen sie vergessen sein.
Alberto Jerez ist Kolumbianer und Gründungsmitglied der Theatergruppe Luz de Luna, einem soziokulturellem Projekt in Kolumbien. Er lebt seit 16 Jahren als freischaffender Künstler in Neckarsulm.

 

 

Opfertuch / Objekt
Jutta Klee

Das Opfertuch entstand in Reaktion auf die Tsunami Katastrophe von 2004 mit 200 000 Strichzeichen für die Flutopfer. Mit der Abstraktion entsteht ein immaterieller Bezug und es wird eine Opferzahl dieses Ausmaßes versinnbildlicht, die ebenso in anderen Zusammenhängen zu beklagen ist.

 
 

 

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